Vater aller Populisten

Die „Mutter aller Probleme in Deutschland“ sei die Migration, sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer. Dreht der hochrangigen Bundespolitiker jetzt durch? Nein, Seehofer ist kein Trump, auch wenn er sich gerne wie ein Trampel benimmt. Seehofer ist ein sehr talentierter Politiker. Das hat er schon in jüngeren Jahren bewiesen. Doch das heißt leider nicht, dass er seiner Einstellung nach ein Politiker ist, wie sich das viele Bürger und idealistische Demokraten eigentlich wünschen. Weiterlesen

Wer schreibt, der bleibt

Jogi Löw und Oliver Bierhoff haben nun endlich ihre Analyse zur verpatzten Fußballweltmeisterschaft vorgelegt. Doch danach war man genauso schlau wie vorher. Der eindrucksvollste Satz von Löw war wohl der, als er die an Arroganz grenzende Haltung des deutschen Teams selbstkritisch anmerkte. Und Bierhoff tat es ihm gleich, als er ein wenig reumütig das Wort „selbstgefällig“ benutzte. Glaubwürdig? Nein! Weiterlesen

Özils Eigentor

Leider braucht es immer erst einen Aufreger, bevor man längst notwendige Diskussionen führt. Jetzt haben wir mit dem Fall Özil einen solchen, welcher die Emotionen vieler Bürger beider Seiten in Wallung versetzt. Das hat etwas Gutes, und es hat etwas Schlechtes. Ich beginne mit dem positiven Aspekt. Weiterlesen

Von der Emergenz im Fußball lernen

Man sagt, vom Fußball könne man viel lernen. In der Tat, dem stimme ich voll und ganz zu. Und damit meine ich nicht solche Halbwahrheiten wie „der Ball ist rund“ oder „das Spiel dauert 90 Minuten“. Nein, viel mehr kann man hier sehr gut beobachten, was Teamgeist ausmacht, wie wichtig kollektive Kreativität ist, und worauf ein Teamleiter achten muss. Weiterlesen

Eine Demokratie schafft sich ab

Die Türkei hat gewählt und mit einer Mehrheit von 52,5 Prozent ihrem Präsidenten Erdogan nicht nur erneut das Regierungsmandat erteilt, sondern auch das Amt mit so viel Macht ausgestattet, dass zukünftig dauerhaft die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt bleibt. Besonders bitter für überzeugte deutsche Demokraten ist das Wahlverhalten vieler in Deutschland lebender Wahlberechtigter. Die entschieden sich nämlich sogar mit fast Zweidritteln für einen faktisch allein herrschenden Erdogan. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Weiterlesen

Verkehrte Welt: Der neue Kim

Was ist das denn? Gestern noch der böse diktatorische Raketen-Mann, der die ganze Welt bedroht und der in dritter Generation für eine widernatürliche Staatentrennung steht, ist plötzlich und unerwartet an einer Versöhnung der beiden koreanischen Länder interessiert und präsentiert sich geradezu sympathisch als verantwortungsvoller und offenherziger Außenpolitiker. Kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen? Erst verlässt Großbritannien die Allianz der guten Welt. Dann wählt unser befreundetes Amerika einen Mann zum Präsidenten, der sich so benimmt, wie man es bislang nur von durchgeknallten Staatsoberhäuptern irgendwelcher Schurkenstaaten kannte. In der Zwischenzeit entwickelt sich die Türkei zurück in eine Diktatur. Und jetzt verwandeln sich die Bösen auch noch in Gute.

Ein bisschen fühle ich mich wie in einer griechischen Tragödie. Der kleine Mensch versteht einfach nicht, was die Götter im Olymp für Spielchen treiben. Doch der Mensch, so klein und unbedeutend er auch sein mag, braucht Erklärungen – mögen sie richtig sein oder nicht. Und so will ich mal den Versuch unternehmen, mir einen Reim darauf zu machen. Eine Erklärung, die häufig zu hören ist, lautet, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eingeknickt sei, weil sein Land aufgrund der Handelssanktionen wirtschaftlich am Ende sei. Das mag im ersten Moment plausibel klingen, ist es meines Erachtens aber nicht. Erstens hat das bislang noch keinen Vertreter seiner Familiendynastie zu einem solchen Schritt bewegt, selbst dann nicht, wenn die Menschen verhungert sind. Zweitens hätte es auch gereicht, das Nuklearprogramm zu stoppen, um eine Lockerung der Sanktionen zu erreichen. Warum müsste er auch noch auf Südkorea zugehen?

Um die Götter und ihr verrücktes Treiben zu verstehen, muss man vielleicht mal um die Ecke denken. Die Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, mit der Kim plötzlich, kurz nachdem er der Welt gezeigt hat, dass man ihn fürchten muss, die Versöhnungsinitiative ergreift, ist für mich zunächst einmal ein Indiz dafür, dass er das von langer Hand geplant hat. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Entwicklung einer einsatzfähigen Nuklearwaffe und das Friedensangebot keine widersprüchlichen Handlungen sind, sondern in einem geplanten Zusammenhang stehen. Nehmen wir einmal an, Kim, der in der Schweiz zur Schule gegangen ist, führte von Anfang an eher Gutes im Schilde und verfolgt das Ziel, die Jahrzehnte währende Isolation seines Landes zu beenden, ohne allerdings vom Westen überrannt zu werden und persönlich dabei unterzugehen. Dann wäre es klug, diese Initiative aus einer Position der Stärke zu ergreifen. Auf diese Weise entsteht nicht – gleichsam der deutsch-deutschen Wiedervereinigung – das Bild eines gestürzten Diktators, sondern das eines Führers in eine bessere Welt. Und wenn das sein Plan war, musste er als erstes als starker gefürchteter Herrscher auftreten, was ihm mit dem Bau und den Tests der Rakete wohl gelungen ist. Auf diese Weise wahrt er gegenüber der eigenen Nation sein Gesicht und empfiehlt sich international als verantwortungsvoller und Brücken bauender Staatsmann.

Die Zukunft, vielleicht schon die nahe, wird zeigen, ob irgendetwas Wahres an meiner zugegebenermaßen optimistischen These ist. Wenn nicht, werde ich weiter über die Launen der Götter spekulieren müssen.

Die Hoffnung stirbt zuerst

Kaum hat die neue Regierung ihre Arbeit aufgenommen, schon schwindet die Hoffnung, durch eine Verjüngung des Kabinetts würden neue Maßnahmen, die besser geeignet sind, die Probleme unserer Zeit zu lösen, in Deutschlands Politik einkehren. Was man vom aufgewerteten Nachwuchs zum Teil gleich zu Anfang serviert bekommt, ist keinen Deut besser als das ihrer älteren Vorgänger. Eher trifft das Gegenteil zu. Weiterlesen

Gift für die offene Gesellschaft

Den Wert der Dinge, die man genießt, erkennt man typischerweise häufig erst bei deren Verlust. So ergeht es mir derzeit mit den Selbsterhaltungskräften der Demokratie. Und wahrscheinlich stehe ich damit nicht alleine. Gewiss, Aufmerksamkeit war schon immer angebracht und gehörte zur Pflicht eines jeden Demokraten. Doch im Allgemeinen herrschte bei den meisten Menschen in der Welt der offenen Gesellschaft die Überzeugung vor, dass es dort klare ethische Grenzen gibt und das System von einem letztendlich unantastbaren Idealismus getragen wird. Auch wenn einzelne Personen enttäuschten wurden sie stets vom System zur Strecke gebracht. Man denke etwa an Nixon und die Watergate-Affäre. Trump ist nicht der erste US-amerikanische Präsident, der lügt, dass sich die Balken biegen. Doch Nixon wurde noch von der Presse zu Fall gebracht. Weiterlesen

Das solidarische Grundeinkommen und die Quadratur des Kreises

Der Koalitionsvertrag der neuen GroKo sieht die Errichtung eines „sozialen Arbeitsmarktes“ vor. Und der neue Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) plant bereits, hierfür in der Legislaturperiode vier Milliarden Euro zu investieren, eine Milliarde Euro pro Jahr. Ziel ist es, 150.000 der insgesamt 850.000 Langzeitarbeitslosen in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu bringen. Langzeitarbeitslose – so die Grundidee – könnten dann mit Hilfe von Lohnkostenzuschüssen in der freien Wirtschaft, bei Wohlfahrtsverbänden oder Kommunen arbeiten. Hört sich gut an, oder? Weiterlesen

Ein Narrativ namens Ostern

Ostern ist der wohl höchste christliche Feiertag. Ohne die Kreuzigung (Freitag) und die Auferstehung (Sonntag) Christi hätte diese Religion in ihrer rund 2000-jährigen Geschichte gewiss nicht diesen Welterfolg erlangt. Die Überwindung des Todes gehört schließlich zu den süßesten und kühnsten Träumen der Menschheit. Und im Falle von Jesus verhält es sich obendrein so, dass er den Tod nicht aus Selbstsucht und Eigennutz besiegt hat, sondern mit unermesslichem Leid zur Rettung der gesamten Menschheit – Hollywood der Antike. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden. In unserer modernen, säkularisierten, medienbeladenen Gesellschaft nennt man das ein „Narrativ“ – eine Erzählung, die den Menschen Sinn und Orientierung verleihen soll. Weiterlesen