Özils Eigentor

Leider braucht es immer erst einen Aufreger, bevor man längst notwendige Diskussionen führt. Jetzt haben wir mit dem Fall Özil einen solchen, welcher die Emotionen vieler Bürger beider Seiten in Wallung versetzt. Das hat etwas Gutes, und es hat etwas Schlechtes. Ich beginne mit dem positiven Aspekt.

Gut ist, dass wir anfangen, weniger abstrakt über die Erwartungshaltungen im Integrationsprozess zu diskutieren und offener über Wertschätzung sowie verletzte Gefühle sprechen. Hier offenbaren sich bei vielen Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund Minderwertigkeitsgefühle, welche ihnen durch Jahrzehnte andauernde Skepsis seitens der Eingeborenen in unserem Lande entstanden sind. Zwar wurden türkischstämmige Einwanderer geduldet, willkommen waren sie aber bestenfalls als Gastarbeiter mit der Aussicht, dass sie nach Erledigung der Arbeit wieder brav heimkehren nach Anatolien. Eine latente Abneigung bis hin zur Diskriminierung durch große Bevölkerungsanteile kann bis heute kaum geleugnet werden. Ob das allerdings gleichzusetzen ist mit dem jetzt häufig zu hörenden Vorwurf des Rassismus´, darf allerdings bezweifelt werden. Womit wir wieder bei Mesut Özil wären, der bekanntlich nach Wochen des Schweigens ebenfalls die Rassismus-Keule geschwungen hat, worauf die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte bekanntlich mit Verunsicherung anschlagen. Und damit wären wir auch schon bei den negativen Aspekten.

Gewiss, es gibt Rassisten unter uns. Die gibt es leider überall auf der Welt – übrigens auch in der Türkei. Rassisten sind Menschen, die an die unterschiedlichen Leistungspotenziale und Charaktereigenschaften aufgrund vermeintlich anderer und unveränderlicher Gene eines Volkes glauben. Dieser Aberglaube ist jedoch ganz sicher nicht das Motiv, aus dem heraus Özil kritisiert wurde. Und das gilt vollkommen unabhängig von der Person Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußballbundes, und Teammanager Oliver Bierhoff, auch wenn beide keine gute Figur in der Causa Özil machten. Allein die Tatsache, dass die Kritik an Boateng, Khedira, Rüdiger oder Gomez nicht stärker ausfiel als bei den „urdeutschen“ Mannschaftskollegen, widerlegt Özils Vorwurf. Den speziellen Ärger, den Özil auf sich zog – wir erinnern uns – wurde nicht durch die schwachen fußballerischen Leistungen verursacht, sondern durch den bereits vorher stattgefundenen Auftritt mit dem türkischen Despoten Erdogan und seinem Mannschaftskollegen Gündogan. Hier gaben die beiden deutschen Nationalspieler dem türkischen Präsidenten Schützenhilfe im Schicksalswahlkampf der Türkei – mögen sie sich dessen bewusst gewesen sein oder nicht. Nach Özils jüngsten Reaktionen muss man befürchten, dass er das ganz bewusst getan hat. Jedenfalls haben alle deutschen Bürger Grund genug, sauer auf und enttäuscht von ihrem Vorzeige-Integrierten zu sein. Das trifft natürlich auch auf Gündogan zu, der Erdogan sogar „meinen Präsidenten“ nannte. Da fragt man sich natürlich schon, warum er in einem internationalen Wettkampf dann nicht auch konsequenterweise für seine Türkei spielt. Das alles wäre dennoch eine Lappalie, wenn sich die Türkei unter Erdogan nicht so weit von den europäischen Idealen entfernt hätte.

Man mag das alles als überflüssige Streitereien abtun, weil man vielleicht als weltoffener Mensch den sportlichen Wettkampf unter Nationen ohnehin als unzeitgemäß einstuft. Aber gerade wer so denkt, kann Özils PR-Aktion nicht gleichgültig gegenüber stehen. So sehr man sich auch als Weltbürger fühlen mag, es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Welt, in der wir leben, unterteilt ist in Nationalstaaten. Und es ist die Idee internationaler Sportveranstaltungen, das daraus resultierende Konkurrenzverhältnis zwischen Nationen spielerisch statt kriegerisch auszuleben. Wer mir bis hierhin folgen kann, wird auch zustimmen, dass jedes Mitglied einer Nationalmannschaft eine ganze Nation mit all ihren Grundwerten vertreten muss. Wer das nicht tut, hat in Wettkämpfen zwischen Nationen logischerweise nichts verloren. Fußballweltmeisterschaften oder Olympische Spiele sind dazu da, dass Sportler ihrer Nation auf friedlichem Weg zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Als Deutscher darf man demnach stolz sein, wenn Landsleute unter unseren freiheitlichen und rechtsstaatlichen Institutionen Höchstleitungen hervorbringen. So pathetisch es klingt, so einfach ist es.

Schaut man sich nun an, was Özil getan hat, indem er sich in Wahlkampfzeiten mit Erdogan, der seit Jahren im heftigen Konflikt mit deutschen Grundwerten steht, ablichten lässt, dann kann man nur sagen, Özil erfüllt seine ihm anvertraute Rolle als deutscher Fußballnationalspieler nicht. Vielmehr hat er sich durch seinen Auftritt mit Erdogan und Gündogan disqualifiziert. Die Veranstaltung war eine glatte Beleidigung für jeden Bürger, der an unsere Verfassung glaubt, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Doch damit nicht genug. Seine anschließende Verweigerung, sich wenigsten – wie dies Gündogan tat – durch eine öffentliche Stellungnahme ansatzweise dafür zu entschuldigen, war eine weitere Enttäuschung. Und nun auch noch die unsäglichen Rassismusvorwürfe, mit denen er auf die billigste Weise die kollektiven Schuldgefühle der deutschen Bevölkerung provozieren will, um damit seine eigene Verfehlung zu retuschieren.

Angeblich war Özil das Paradebeispiel für gute Integration. Doch er hat sich eher als das Gegenteil entpuppt. Als Fußballer groß geworden im freiheitlichen Deutschland, das ihn schließlich mit offenen Armen in die Nationalmannschaft aufgenommen hat, verdient er heute in der freien Welt, derzeit in England, Millionen. Dass er mit diesem Status nun dem despotischen Präsidenten seines Herkunftslandes, der alle in- und ausländischen Bürger einsperren lässt, die eine kritische Meinung äußern, kann man wohl kaum – wie Özil jetzt schrieb – mit „Respekt vor dem Präsidentenamt“ erklären. Wie steht es mit dem Respekt gegenüber den unschuldig Inhaftierten, Verurteilten und Amtsenthobenen? Keiner nimmt Ozils Verbundenheit zum türkischem Volk übel. Wohl aber die Umarmung eines Präsidenten, der die Menschenrechte mit Füßen tritt und mit Demagogie und List sich zum Alleinherrscher aufschwingt. Da hätte man vom Integrationsvorbild Özil erwartet, dass er für die Werte der offenen Gesellschaft eintritt. Hätte er das getan, wären ihm die Herzen der meisten Deutschen zugeflogen, selbst wenn seine sportlichen Leistungen zu wünschen übrig gelassen hätten.

Vielleicht ist Özil so unpolitisch und naiv, dass er die Bedeutung seiner Geste nicht verstanden hat und zum Spielball von taktierenden Hintermännern wurde. Jeder macht Fehler. Doch mit Kritik kann Özil scheinbar genauso wenig umgehen wie Erdogan. Verletzt schießt er jetzt wild um sich. Sein Rücktritt kam lediglich dem Rauswurf zuvor. Wir müssen uns nun einen anderen Vorzeige-Integrierten suchen. Glücklicherweise gibt es genug davon, auch wenn die meisten nicht so gut Fußball spielen können. Wir sollten trotz klarer Zurückweisung von Özils kindischen Vorwürfen nicht an Selbstkritik sparen, was den Umgang mit türkischen Immigranten angeht. Selbstgerechtigkeit ist nicht angebracht. Zum Schluss bleibt die Einsicht, dass zur Integration sowohl auf der einen Seite der Wunsch gehört, zu einer Gesellschaft zu gehören und zu deren Grundwerten zu stehen, als auch auf der anderen Seite die Bereitschaft, diese dann herzlich aufzunehmen.

Von der Emergenz im Fußball lernen

Man sagt, vom Fußball könne man viel lernen. In der Tat, dem stimme ich voll und ganz zu. Und damit meine ich nicht solche Halbwahrheiten wie „der Ball ist rund“ oder „das Spiel dauert 90 Minuten“. Nein, viel mehr kann man hier sehr gut beobachten, was Teamgeist ausmacht, wie wichtig kollektive Kreativität ist, und worauf ein Teamleiter achten muss. Das kann man auf viele Lebensbereiche anwenden – nicht zuletzt auf Wirtschaftsunternehmen. Ich will hier einmal den Versuch unternehmen, ganz grob die Faktoren zu identifizieren, die meines Erachtens aus dem amtierenden Weltmeister Deutschland den Letztplatzierten der Vorgruppe gemacht haben.

Gewiss lag es nicht an der Qualität der Einzelspieler. Die waren zum Teil ja noch dieselben wie damals und behaupten sich immer noch in international erfolgreichen Vereinen. Aber die Qualität der Mannschaft bemisst sich nur zu einem Teil aus den Werten der Einzelspieler. Das Ganze kann mehr sein als die Summe der Einzelteile. Das kann man vielleicht nirgendwo anschaulicher erleben als beim Fußball. In der Wissenschaft spricht man von „Emergenz“. In der Philosophie vertritt man zuweilen die These, dass das Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns ist. Nach dieser Logik könnte man sagen, dass der Teamgeist eine emergente Eigenschaft einer Mannschaft ist. Und genau die war 2014 herausragend und hat 2018 gefehlt.

Der Teamgeist kann Berge versetzen. Fehlt er hingegen, leidet die Leistung des gesamten Systems. Die Elemente des Systems, also die Mitglieder des Teams, fangen an, weniger das gemeinsame Ziel im Auge zu haben und verstärkt auf ganz persönliche Belange zu achten. Opfer- und Einsatzbereitschaft sind nicht besonders hoch. Man schützt sich stattdessen vor persönlicher Kritik, indem man vor allem versucht, individuelle Fehler zu vermeiden. Steht man nun im harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen oder – wie im hier betrachteten Fall – mit anderen Nationalmannschaften, die vielleicht keine Stars, aber einen sehr guten Teamgeist haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man verliert. Und so dreht sich die Abwärtsspirale weiter: Die Kritik an der Mannschaft wächst aufgrund schlechter Ergebnisse. Sie verteilt sich aber selten gleichmäßig auf das Team. Meist sind einzelne Spieler und/oder der Trainer besonders im Visier. Diese personelle Differenzierung – mag sie berechtigt sein oder nicht – bedroht wiederum den Teamgeist. Gelingt es dem Trainer beziehungsweise dem bereits angeschlagenen Mannschaftsgeist nicht, diesen Spaltungsdruck abzuwehren, setzt sich die Abwärtsspirale weiter fort.

Ohne in die spezielle Fußballgrammatik einzutauchen – was meine Fähigkeit auch ganz gewiss übersteigen würde – möchte ich abschließend hieraus ein paar Schlussfolgerungen ableiten, worin meines Erachtens der Misserfolg der deutschen Nationalmannschaft wesentlich gründet und worauf man daher in Zukunft besser achten sollte:

Erstens: Es ist schwierig, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel wirkungsvoll einzuschwören, wenn das Team, und noch schlimmer: nur ein Teil des Teams das Ziel schon einmal erreicht hat. Und zum Team gehört ausdrücklich auch der Trainer.

Zweitens: Es ist falsch, in der Nationalmannschaft über Jahre hinweg „Stammspieler“ zu halten, die quasi ein Abo auf ihre Nominierung gebucht haben. Wenn auf dem Platz gnadenlos das Leistungsprinzip gilt, muss das auch für die aktuelle Auswahl der Spieler gelten. Daran scheiterten nach Beckenbauers Weltmeisterschaft 1990 seine Nachfolger. Erst mit Klinsmann und Löw kam wieder Schwung in die Rotation. Der ist aber im Laufe der Jahre wieder verloren gegangen. Möglicherweise ist das eine Art Naturgesetz.

Deshalb gilt drittens: Wer den Job zu lange macht, verliert die Distanz, die ein Trainer zu den Spielern bewahren muss, um objektiv zu urteilen. Die Gefahr, sich an alte Weggefährten zu klammern, die durch höchste gemeinsame Erfolge mit dem Trainer besonders verbunden sind, ist groß.

Viertens: Wer im harten Wettbewerb erfolgreich sein will, muss kreativ sein. In der modernen Motivationspsychologie vertritt man heute die nachvollziehbare These, dass dazu eine gewisse Fehlertoleranz notwendig ist. Und ich denke, es gibt keinen Grund, warum das nicht auch für ein Fußballteam gelten sollte. Fehler sollten selbstverständlich nicht angestrebt, sondern vermieden werden. Doch darf das nicht zur Hauptdirektive werden, sonst leidet die Kreativität extrem darunter. Die Spieler werden mutlos und ihre Spielzüge für den Gegner ausrechenbar. Ich habe bereits oben beschrieben, dass eine Mannschaft mit angeknackstem Teamgeist ohnehin zur Konzentration auf die Vermeidung von Fehlern neigt. Im Falle der deutschen Nationalmannschaft kam dann noch hinzu, dass die Fehlervermeidung nach dem Mexiko-Spiel vom Trainerstab sogar zur offiziellen Strategie erhoben wurde.

Wenn man keine Tore schießt, dann mag die Schlussfolgerung zwar nahe liegen, durch Fehlervermeidung wenigstens keine Gegentore zu kassieren und dann vielleicht ein- oder zweimal Glück zu haben. Doch der Rückzug auf eine solche Defensivstrategie im weitesten Sinne des Wortes ist kein geeignetes Mittel, um Spitzenergebnisse hervorzubringen – weder im Fußball noch in der Wirtschaft.

Eine Demokratie schafft sich ab

Die Türkei hat gewählt und mit einer Mehrheit von 52,5 Prozent ihrem Präsidenten Erdogan nicht nur erneut das Regierungsmandat erteilt, sondern auch das Amt mit so viel Macht ausgestattet, dass zukünftig dauerhaft die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt bleibt. Besonders bitter für überzeugte deutsche Demokraten ist das Wahlverhalten vieler in Deutschland lebender Wahlberechtigter. Die entschieden sich nämlich sogar mit fast Zweidritteln für einen faktisch allein herrschenden Erdogan. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Menschen, die hier von den Institutionen einer offenen demokratischen Gesellschaft tagtäglich profitieren, sorgen dafür, dass sie in ihrem Herkunftsland abgeschafft werden. Und das, wo Erdogan längst bewiesen hat, dass Pressefreiheit, Menschenrechte und Minderheitenschutz in seinem Wertesystem keine große Rolle spielen. Wie kann oder muss man aus deutscher Sicht Erdogans Sieg nun deuten?

Wenn sich ein demokratisches System per Volkeswille selbst abschafft, dann kann das meines Erachtens nur in zwei Varianten interpretiert werden. Erste Variante: Über die Hälfte des in der Türkei lebenden Wählervolks und zwei Drittel des hier lebenden wurden im Wahlkampf hinters Licht geführt und haben nicht gemerkt, dass es durch die Einführung des Erdoganschen Präsidialsystems letztendlich sich selbst entmachtet. Zum Hinterslichtführen gehören natürlich immer zwei Seiten – die, die führt, und die, die sich führen lässt. Und so könnte man vermuten, dass die Erdogan-Anhänger vielleicht gar nicht wissen, aus welchen Elementen eine repräsentative Demokratie bestehen muss, damit sie dauerhaft funktionieren kann. Demokratie bedeutet eben nicht nur die Möglichkeit, einen Präsidenten zu wählen. Eine echte Demokratie braucht mehr als das.

Zweite Interpretationsvariante: Die absolute Mehrheit weiß zwar, was eine echte Demokratie braucht, aber es ist ihr egal, ob man sich noch in den Grenzen eines demokratischen Systems bewegt. Es lebe der König, der sein Volk zu neuem Ruhm und Reichtum verhilft. Während These eins also die Ursache in einer fehlenden politischen Bildung vieler Wähler sieht, unterstellt These zwei eine mehrheitlich undemokratische Gesinnung. Es lassen sich wohl für beide Thesen genügend Belege finden.

Auch wenn der Populist Erdogan in seinen aktuellen Siegesreden nicht müde wird, von einem großen Tag für die Demokratie zu sprechen, weiß er selbst nur allzu gut, dass das Gegenteil der Fall ist. Eine repräsentative Demokratie muss auf eine möglichst große Konsensbildung angelegt sein. Sie darf auf keinen Fall zur Diktatur einer Mehrheit werden, muss also auch Minderheiten schützen, und zwar ebenso durch die Wahrung von Grundrechten, als auch durch die Kontrollfunktion eines repräsentativen Parlaments. Erdogan hat mit der Ausweitung seiner Machtbefugnisse die Gewaltenteilung – eine zentrale Institution der Demokratie – frontal angegriffen. Er kann künftig in vielen Bereichen per Dekret am Parlament vorbei regieren, was er bislang nur im Ausnahmezustand vermochte. Mit der Vereinigung von ausübender (Exekutive) und gesetzgebender Gewalt (Legislative) nimmt Erdogan der parlamentarischen Opposition jetzt jegliche wirksame Kontrollmöglichkeit. Doch damit nicht genug. In Zukunft darf der alte Präsident im neuen maßgeschneiderten Amt sogar die Mehrheit der Verfassungsrichter benennen, womit auch noch die für den Rechtsstaat so wichtige Unabhängigkeit der rechtsprechenden Gewalt (Judikative) zerstört wird.

Für einen überzeugten Demokraten ist es immer enttäuschend, wenn irgendwo auf der Welt sich die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen nicht durchsetzen können. Für viele deutsche Demokraten ist es jetzt aber besonders befremdlich, von vielen Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund umgeben zu sein, von denen sie nicht nur annehmen müssen, dass sie unbedachter Weise einem Demagogen auf den Leim gegangen sind, sondern dass sie möglicherweise gar nicht zu den demokratischen Werten unserer Gesellschaft stehen.

Natürlich müssen sich auch die deutschen „Ureinwohner“ an die eigene Nase fassen und sich fragen, was sie in Sachen Integration falsch gemacht haben. Wenn Erdogan so leicht die Herzen hier lebender türkischer Wahlberechtigter gewinnen konnte, muss er bei dieser Bevölkerungsgruppe auf eine große Unterversorgung ihrer emotionalen Identifikation getroffen sein. Türkischstämmige Menschen mögen hierzulande formal im Großen und Ganzen anständig behandelt worden sein. Herzlich aufgenommen wurden sie im Allgemeinen aber nicht. Noch heute berichten selbst viele der hier geborenen und bestens integrierten türkischstämmigen Mitbürger von latenter Benachteiligung, wie zum Beispiel bei der Wohnungs- oder Arbeitsplatzsuche. Sobald man sich mit türkischem Namen vorstellt, läuft man Gefahr, aussortiert zu werden. Erdogan scheint vielen der türkischstämmigen Mitbürger, die hier nicht voll respektiert, sondern eher geduldet werden, ein höheres Selbstwertgefühl zu vermitteln. Das wirkt wie eine emotionale Droge, die alle kritischen Überlegungen dominieren kann. Den fruchtbaren Boden für Erdogans Erfolg in Deutschland haben wir also über Jahrzehnte vorbereitet und daher mitzuverantworten. Viele unserer türkischstämmigen Mitbürger haben in der Galionsfigur Erdogan offensichtlich die emotionale Heimat gefunden, die sie hier vermissten.

Soweit reicht mein Verständnis. Doch kann ich die Ignoranz der Erdogan-Anhänger gegenüber den Verfehlungen ihres Nationalhelden letzten Endes nicht akzeptieren. In Deutschland werden sie in allen Medien von einer freien und vielfältigen Presse gut informiert. Keiner kann behaupten, nichts von Erdogans unredlichem Machthunger und seinen antidemokratischen und Menschenrecht verletzenden Machenschaften gewusst zu haben. Wer zudem die Vorzüge unseres Systems schätzt und genießt, hat die Pflicht, sich auch zu seinen Werten zu bekennen und ihnen, wo möglich, zum Durchbruch, nicht zum Zusammenbruch zu verhelfen. Wer dazu nicht bereit ist, verweigert sich im Grunde aktiv einer Integration, an deren Anfang das Bekenntnis zu unserem Grundgesetz stehen muss. Erdogan-Wähler müssen sich daher nicht wundern, wenn sie von verärgerten, demokratietreuen Mitbürgern – sowohl in Deutschland als auch der Türkei – aufgefordert werden, ihr Leben zukünftig im Herrschaftsgebiet ihres geliebten politischen Führers einzurichten.

Zum Schluss sollten wir aber bei aller Verärgerung nicht vergessen, dass in der Türkei 47,5 Prozent und in Deutschland immerhin ein Drittel der Wahlberechtigten Erdogan nicht gewählt haben. Sie brauchen jetzt mehr denn je Zuneigung und Verständnis.

 

Verkehrte Welt: Der neue Kim

Was ist das denn? Gestern noch der böse diktatorische Raketen-Mann, der die ganze Welt bedroht und der in dritter Generation für eine widernatürliche Staatentrennung steht, ist plötzlich und unerwartet an einer Versöhnung der beiden koreanischen Länder interessiert und präsentiert sich geradezu sympathisch als verantwortungsvoller und offenherziger Außenpolitiker. Kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen? Erst verlässt Großbritannien die Allianz der guten Welt. Dann wählt unser befreundetes Amerika einen Mann zum Präsidenten, der sich so benimmt, wie man es bislang nur von durchgeknallten Staatsoberhäuptern irgendwelcher Schurkenstaaten kannte. In der Zwischenzeit entwickelt sich die Türkei zurück in eine Diktatur. Und jetzt verwandeln sich die Bösen auch noch in Gute.

Ein bisschen fühle ich mich wie in einer griechischen Tragödie. Der kleine Mensch versteht einfach nicht, was die Götter im Olymp für Spielchen treiben. Doch der Mensch, so klein und unbedeutend er auch sein mag, braucht Erklärungen – mögen sie richtig sein oder nicht. Und so will ich mal den Versuch unternehmen, mir einen Reim darauf zu machen. Eine Erklärung, die häufig zu hören ist, lautet, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eingeknickt sei, weil sein Land aufgrund der Handelssanktionen wirtschaftlich am Ende sei. Das mag im ersten Moment plausibel klingen, ist es meines Erachtens aber nicht. Erstens hat das bislang noch keinen Vertreter seiner Familiendynastie zu einem solchen Schritt bewegt, selbst dann nicht, wenn die Menschen verhungert sind. Zweitens hätte es auch gereicht, das Nuklearprogramm zu stoppen, um eine Lockerung der Sanktionen zu erreichen. Warum müsste er auch noch auf Südkorea zugehen?

Um die Götter und ihr verrücktes Treiben zu verstehen, muss man vielleicht mal um die Ecke denken. Die Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, mit der Kim plötzlich, kurz nachdem er der Welt gezeigt hat, dass man ihn fürchten muss, die Versöhnungsinitiative ergreift, ist für mich zunächst einmal ein Indiz dafür, dass er das von langer Hand geplant hat. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Entwicklung einer einsatzfähigen Nuklearwaffe und das Friedensangebot keine widersprüchlichen Handlungen sind, sondern in einem geplanten Zusammenhang stehen. Nehmen wir einmal an, Kim, der in der Schweiz zur Schule gegangen ist, führte von Anfang an eher Gutes im Schilde und verfolgt das Ziel, die Jahrzehnte währende Isolation seines Landes zu beenden, ohne allerdings vom Westen überrannt zu werden und persönlich dabei unterzugehen. Dann wäre es klug, diese Initiative aus einer Position der Stärke zu ergreifen. Auf diese Weise entsteht nicht – gleichsam der deutsch-deutschen Wiedervereinigung – das Bild eines gestürzten Diktators, sondern das eines Führers in eine bessere Welt. Und wenn das sein Plan war, musste er als erstes als starker gefürchteter Herrscher auftreten, was ihm mit dem Bau und den Tests der Rakete wohl gelungen ist. Auf diese Weise wahrt er gegenüber der eigenen Nation sein Gesicht und empfiehlt sich international als verantwortungsvoller und Brücken bauender Staatsmann.

Die Zukunft, vielleicht schon die nahe, wird zeigen, ob irgendetwas Wahres an meiner zugegebenermaßen optimistischen These ist. Wenn nicht, werde ich weiter über die Launen der Götter spekulieren müssen.

Die Hoffnung stirbt zuerst

Kaum hat die neue Regierung ihre Arbeit aufgenommen, schon schwindet die Hoffnung, durch eine Verjüngung des Kabinetts würden neue Maßnahmen, die besser geeignet sind, die Probleme unserer Zeit zu lösen, in Deutschlands Politik einkehren. Was man vom aufgewerteten Nachwuchs zum Teil gleich zu Anfang serviert bekommt, ist keinen Deut besser als das ihrer älteren Vorgänger. Eher trifft das Gegenteil zu. Weiterlesen

Gift für die offene Gesellschaft

Den Wert der Dinge, die man genießt, erkennt man typischerweise häufig erst bei deren Verlust. So ergeht es mir derzeit mit den Selbsterhaltungskräften der Demokratie. Und wahrscheinlich stehe ich damit nicht alleine. Gewiss, Aufmerksamkeit war schon immer angebracht und gehörte zur Pflicht eines jeden Demokraten. Doch im Allgemeinen herrschte bei den meisten Menschen in der Welt der offenen Gesellschaft die Überzeugung vor, dass es dort klare ethische Grenzen gibt und das System von einem letztendlich unantastbaren Idealismus getragen wird. Auch wenn einzelne Personen enttäuschten wurden sie stets vom System zur Strecke gebracht. Man denke etwa an Nixon und die Watergate-Affäre. Trump ist nicht der erste US-amerikanische Präsident, der lügt, dass sich die Balken biegen. Doch Nixon wurde noch von der Presse zu Fall gebracht. Weiterlesen

Das solidarische Grundeinkommen und die Quadratur des Kreises

Der Koalitionsvertrag der neuen GroKo sieht die Errichtung eines „sozialen Arbeitsmarktes“ vor. Und der neue Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) plant bereits, hierfür in der Legislaturperiode vier Milliarden Euro zu investieren, eine Milliarde Euro pro Jahr. Ziel ist es, 150.000 der insgesamt 850.000 Langzeitarbeitslosen in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu bringen. Langzeitarbeitslose – so die Grundidee – könnten dann mit Hilfe von Lohnkostenzuschüssen in der freien Wirtschaft, bei Wohlfahrtsverbänden oder Kommunen arbeiten. Hört sich gut an, oder? Weiterlesen

Ein Narrativ namens Ostern

Ostern ist der wohl höchste christliche Feiertag. Ohne die Kreuzigung (Freitag) und die Auferstehung (Sonntag) Christi hätte diese Religion in ihrer rund 2000-jährigen Geschichte gewiss nicht diesen Welterfolg erlangt. Die Überwindung des Todes gehört schließlich zu den süßesten und kühnsten Träumen der Menschheit. Und im Falle von Jesus verhält es sich obendrein so, dass er den Tod nicht aus Selbstsucht und Eigennutz besiegt hat, sondern mit unermesslichem Leid zur Rettung der gesamten Menschheit – Hollywood der Antike. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden. In unserer modernen, säkularisierten, medienbeladenen Gesellschaft nennt man das ein „Narrativ“ – eine Erzählung, die den Menschen Sinn und Orientierung verleihen soll. Weiterlesen

Der Islam gehört ins deutsche Heimatmuseum

Der selbsternannte Leiter des neuen „Heimatmuseums“– ein entlarvender freudscher Fehler auf einer Pressekonferenz -, Horst Seehofer, der bekanntlich auch gleichzeitig das geworden ist, was man früher Bundesinnenminister nannte, zeigt sich kurz nach Amtsantritt von seiner bekannten populistischen Seite, die leider nicht seine beste ist. Seehofer belehrt zur Einstimmung die Historiker, die sich hinter den siebeneinhalb Jahre alten Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff „der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ stellten, und behauptet einfach mal das Gegenteil. Weiterlesen

Partei im freien Fall

Die SPD hat einen Sonderparteitag veranstaltet, um zu sondieren, ob man vielleicht doch in einer „GroKo“ oder einer „KoKo“ mit der Union weiter regieren will. Ergebnisoffene Gespräche wolle man mit den Unionsparteien führen, heißt es jetzt, womit man bis auf Weiteres die Kurzentschlossenheit, auf jeden Fall in die Opposition zu gehen, wieder aussetzt. Doch geht es in der aktuellen Orientierungsphase der SPD längst nicht mehr nur um diese konkrete Entscheidung. Sie ist verknüpft mit der generellen Frage nach der Überlebensfähigkeit als Volkspartei. Weiterlesen